Die Quilts der Amischen
Auch wenn sie dem Quilt zu seinem hohen Bekanntheitsgrad verholfen haben, haben sie ihn dennoch nicht erfunden. Die Ursprünge des Quilts reichen bis nach Indien und in das antike Ägypten zurück. Die Kunst des Quilts wurde in Palästina von den Kreuzfahrern entdeckt, die sie nach Italien und nach Südfrankreich brachten. Später erhielt der Quilt einen ungewöhnlichen Aufschwung in England und natürlich in den USA, die damals englische Kolonie waren. Das Leben war dort sehr hart, so dass nichts verschwendet wurde, schon gar nicht Stoffreste. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Frauen der Amischen durch "englische" Bäuerinnen mit dieser Kunst der Verwertung in Kontakt, die perfekt auf die Strenge und Kargheit ihrer Gemeinschaft abgestimmt war, und begeisterten sich zunehmend dafür. Das Wort "Quilt" kommt von dem lateinischen Wort culcita, was soviel bedeutet wie gestopfter Sack, gestopfte Matratze oder gefülltes Kissen. Sehr schnell jedoch wurde der Quilt als Bettdecke verwendet. Es wäre tatsächlich schade gewesen, ihn als Matratze zu verwenden, da die Frauen zahlreiche Stunden damit verbrachten, den Quilt zu steppen, d. h. ihm ein schönes Aussehen zu verleihen. Das amerikanisch-englische Verb to quilt (steppen) gab diesem Flickwerk aus Stoffen seinen Namen. Dem Patchwork, dem Zusammensetzen von Stoffstücken, kam durch den Quilt eine Stepparbeit hinzu, durch die der Quilt an Originalität gewinnt. Diese Stepparbeit hält nicht nur zwei oder drei Lagen Stoff zusammen, sondern verleiht dem ganzen sein spezielles Aussehen, durch das das Patchwork oftmals zu einem echten Kunstwerk wird. Für die Amischen-Frauen ist der Quilt einfach nur eine Bettdecke, die anlässlich einer Hochzeit oder einer Geburt angefertigt wird, oder auch, um jemandem zu helfen, seine Rechnungen - insbesondere Arztrechnungen - zu bezahlen (die Gemeinschaft lehnt sämtliche Sozial- und Krankenversicherungen ab). Häufig werden Reste von in Heimarbeit gefertigter Kleidung benutzt, um einen Quilt zu machen (Sunshine & Shadow), aber es werden auch grosse Stoffteile für grossflächige, reich gesteppte Modelle gekauft (Center diamond). Sehr oft ist der Amish-Quilt ein Gemeinschaftswerk der Frauen, insbesondere was das Quilten anbetrifft, während das Zusammenfügen der Stoffstücke (piecing), sowie die Farbwahl Sache einer Person sind. Wie uns Grossmutter Hanna Stolzfoos erklärt, " erkennt man jedoch eine Steppnaht so wie man eine Handschrift erkennt ". Das bedeutet, dass die feinsten Stücke von einer einzigen Person gesteppt werden, deren "Handschrift " Kenner identifizieren können. Das mindert jedoch den Wert des gemeinschaftlichen von Frauenhänden nach der Arbeit auf dem Hof ausgeführten Steppens (quilting bee) nicht im geringsten. Diese Arbeitsweise entspricht wohl der Mentalität, die die Gemeinschaft gegenüber dem Individuum privilegiert. 1990 stellten amerikanische Soziologen einer Gruppe von Amisch-Frauen die folgende Frage : " Was sind die schönsten Dinge auf der Welt ". Es überrascht nicht, dass die Antworten übereinstimmend lauteten : 1) Meine Familie und meine Kinder ; 2) Mein Garten ; 3) Meine Quilts. Nicht alle Amisch-Frauen machen Quilte, aber für eine junge Anfängerin (um die 14-15 Jahre) kommt die Mitwirkung an der Entstehung eines Quilt, zusammen mit anderen Frauen, einer Art sozialen Weihe gleich. Man erwartet von jeder künftigen Braut, dass sie mindestens einen der erforderlichen drei Quilts selbst herstellt (zwei bei den Jungen), auch wenn sie sich von ihrer Mutter, ihren Schwestern und Cousinen helfen lässt. Sobald sie verheiratet ist, kann die Amsich-Frau dem Quilten kaum noch Zeit widmen, da eine Familie im Durchschnitt zehn Kinder hat. Im Alter von 40-45 fängt sie dann wieder das Steppen an, wobei sie bei dieser nützlichen Kunst oft alle möglichen Stoffe benutzt, wodurch dann manchmal, entgegen sämtlichen Bescheidenheitsregeln, ein echtes Kunstwerk entsteht. Das Viereck und die Raute sind die Grundelemente des Amisch-Quilts, wobei anzumerken ist, dass diese Gemeinschaft das biblische Gebot "du sollst dir kein Bildnis machen" (Exodus 20 :4) wörtlich nimmt. Mit einigen seltenen Ausnahmen stellt der Amisch-Quilt niemals Figuren dar. Die unendlichen Kombinationsmöglichkeiten des Vierecks und der Raute, das gewagte Zusammensetzen der Farben und das oftmals aufwendige Steppen sind die drei Ingredienzen dieser " Kunst der Wiederverwertung " oder " Kunst des Wirtschaftens ". Quiltliebhaber verwenden sie sowohl als Bettdecken als auch als äusserst dekorative Wandbehänge. Nur Gott schuf die Schönheit. Aus diesem Grunde haben die Amischen den Quilt nie als ein Kunstwerk betrachtet (ein Begriff, der ihnen im übrigen fremd ist : Diesem Aspekt widmen wir in unserem Essay "das Rätsel der Amischen" ein langes Kapitel). Auch wenn die ästhetische Schönheit eine Rolle spielt, hat der Quilt einen rein nützlichen Zweck : Den einer Bettdecke oder einer Belegung des Gemeinschaftslebens. Ein Amisch-Quilt ist Ausdruck der Persönlichkeit seines Herstellerin und des strikten, manchmal starren Aspekts der Gemeinschaft, der sie angehört. Einige der 1693 in Sainte-Marie-aux-Mines (Elsass) bei der Spaltung der Amischen festgesetzten Regeln, insbesondere diejenigen, die die Kleidung betreffen, gelten heute noch in den USA. Ein Amischer ist von weitem an seiner Kleidung - kräftigen Unifarben für Jungen und Mädchen, mit fortschreitendem Alter immer dunkleren Farbtöne - erkennbar. Neben den sehr aufwendigen Steppnähten, besteht die Originalität eines Amisch-Quilts in der Art und Weise, wie die dunklen Stoffe so kombiniert werden, dass Licht entsteht. Jacques Legeret |