Wer sind die Amischen ?
Wer sind die Amischen ?
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Die Ordnung verbindet die Gmay, sorgt für Solidarität und macht die Gmay zu der beherrschenden Kraft im Leben der Amischen. Wer nicht sicher ist, ob er sich der Ordnung unterwerfen kann, erhält den Rat, die Taufe noch zu verschieben. Nach der Taufe gegen die Ordnung zu verstoßen wird als ein Verstoß gegen Gottes Gebot gesehen und die anderen Gemeindemitglieder haben keine andere Wahl, als das betreffende Mitglied zu meiden. Alles andere würde bedeuten, dass sie selbst ihr Gelübde brechen.
Die Gmay und die Ordnung gestatten es Amisch-Familien, in einer Art „Gesellschaft in der Gesellschaft“ zu leben, zwar umgeben von Nicht-Amischen (und in täglichem Kontakt mit ihnen), aber gleichzeitig getrennt von ihnen. Sogar die Zeit vergeht anders. Die meisten ultrakonservativen Swartzentruber-Amischen zum Beispiel richten sich nach einer „langsamen Zeit“. Das heißt, sie stellen ihre Uhren im Sommer gar nicht, oder allenfalls eine halbe Stunde, vor.
Die Ordnung bestimmt auch, wie das Wohnhaus aussieht und wie es möbliert ist. Die Häuser der Swartzentruber-Amischen zum Beispiel folgen einem einheitlichen Muster. Manche Amisch-Gruppen erlauben Linoleumböden, gasbetriebene Kühlschränke und Rohrleitungen. Andere tun dies nicht.
Die Ordnung regelt Sprache und Kleidung und stärkt zudem die Gemeinschaft, indem sie die Grenzlinien zu denjenigen deutlich macht, die dazugehören oder eben nicht. Für die Altamischen ist das Überleben ihrer Sprache, des Pennsylvania-Deutsch oder Deitsch, üblicherweise Pennsylvania Dutch genannt, mit ihrem Überleben als separate und eigenständige Gemeinschaft untrennbar verknüpft. Wenn sie in der Gemeinde diese Sprache benützen, erinnert sie das an die Unterschiede zwischen ihrer Gemeinschaft und der Außenwelt, wodurch die Amischen von der herrschenden Kultur nicht nur isoliert, sondern auch geschützt werden.
Kleine Kinder lernen häufig erst in der Schule Englisch, was in ihnen die Vorstellung stärkt, dass Englisch die Sprache der Außenwelt ist. Nur in den Schulen verwenden die Amischen das Englische als einziges Mittel der mündlichen Verständigung mit anderen Amischen. In vielen Schulen hören Kinder und Lehrer auf, Englisch zu sprechen, wenn kein Unterricht stattfindet, selbst wenn es sich nur eine kurze Pause handelt.
Ordnungen prägen auch die Schulen, in denen die Kinder Englisch lernen, wobei jede Schule die Werte der betreffenden Kirchengemeinde reflektiert und verstärkt.
Auch die Kleidung spiegelt die Zugehörigkeit zu der Gemeinde ; dieser Aspekt geht auf die Anfänge der Wiedertäuferbewegung zurück. Jacob Ammann, ein Prediger aus Ste. Marie-aux-Mines, der 1693 die Abspaltung der Amischen von der größeren Konfession der Mennoniten anführte, war der Ansicht, die Nichtanpassung an die Welt erstrecke sich nicht nur auf das Denken und den Glauben, sondern auch auf die Kleidung. Die abgespalteten Amischen wurden auch Häftler (nach Haftel für Haken und Öse)genannt, im Gegensatz zu den mennonitischen Knöpflern. Heutzutage kennzeichnet schlichte Kleidung die Amisch-Gemeinden und gibt ihr ein Gefühl von Zugehörigkeit. Für sie ist diese Art von Kleidung nicht christlich, sondern Amisch – nicht für ihr Seelenheil von Bedeutung, sondern ein Zeichen, dass ihre Träger Gottes Gebot halten, sich nicht der weltlichen Mode anzupassen. Wenn sich ein Amischer also morgens anzieht, folgt er der Ordnung. Wenn sich eine Frau ihr Haar nicht schneidet und es unter ihrer Kappe versteckt, folgt sie dem Rat des Paulus an die Korinther (11, 1-14). Ein Amisch-Mann, der seine Haare gemäß der Ordnung schneidet und sich den Schnurrbart rasiert, signalisiert damit seine Zugehörigkeit zur Gemeinde. Ob die Hemden der Jungen Kragen haben, ob die Kappen der Frauen dieselbe Farbe haben wie ihre Kleider, ob sie gefältelt oder glatt sind – all das sind äußere Zeichen für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinde.
Die Ordnung der Kirchengemeinde reguliert praktisch alle Aspekte des Alltagslebens. Auch wenn die Gemeindemitglieder zugeben, dass nicht alle Elemente der Ordnung sich von der Heiligen Schrift ableiten lassen, wird doch das, was nicht auf der Schrift beruht, durch das Gefühl gerechtfertigt, dass eine andere Handlungsweise weltlich und für die Gemeinschaft schädigend wäre. So verbieten beispielsweise alle Altamisch-Gruppen den Besitz von Kraftfahrzeugen und bestimmen, wann ihre Mitglieder Fahrdienste in Anspruch nehmen dürfen. Die Amischen wissen, dass schnelle, leicht zugängliche Transportmittel den Mitgliedern erlauben würden, sich häufiger von zu Hause zu entfernen, und dass die Kirchengemeinde sich zerstreuen würde. Zudem ziehen Automobile die Menschen in die Städte, und die Amischen wissen, dass das für Christen keine guten Aufenthaltsorte sind. Schließlich, so argumentieren sie, bestand Lots Vergehen darin, dass er die Stadt Sodom betrat.
Andere technische Errungenschaften werden ähnlich bewertet. Dass eine Maschine oder ein Haushaltsgerät seinem Besitzer Zeit spart, ist nicht unbedingt eine Empfehlung, und dass es „modern“ ist, spricht nicht unbedingt gegen die Technik. Alle Amischen benutzten Maschinen, und wenn sie außerhalb der Gemeinde arbeiten, benutzen sie auch Maschinen, die von der Ordnung verboten werden. Die meisten Amisch-Gemeinden verwenden einige elektrische Geräte, vor allem mit Batterien betriebene, aber alle sind sich einig, dass der Zugang zu Starkstromleitungen „zu vielen Versuchungen und dem Verfall von Gemeinde und Familienleben führen könnte“.2
Das von der Ordnung geprägte Alltagsleben ist an die Bibel gebunden. Am Morgen, wenn die Familie aufsteht, liest der Vater aus der Schrift, ebenso am Abend, bevor alle zu Bett gehen. Jede Mahlzeit beginnt und endet mit einem stillen Gebet. An jedem Tag bestärkt die Praxis die Lehren der Bibel. Der Vater sitzt am Kopfende des Tisches, die Kinder an den Seiten, die Jungen auf der einen, die Mädchen auf der anderen Seite. Jedes Kind kennt seinen Platz in der Familie und somit auch in der Gemeinschaft.
Kirche als Gemeinschaft und Kirche als Ritus vereinen sich im Sonntagsgottesdienst. Wie die ersten Wiedertäufer versammeln sich die Altamischen in Privathäusern, weitab von weltlichen Einmischungen und Bedrohungen. Die Familien wechseln sich ab. Sobald angekündigt wird, welche Familie das nächste Mal den Hausgottesdienst ausrichtet, kann sie Hilfe erwarten. Die Ehefrau kann sich darauf verlassen, dass Mutter, Schwestern, Nichten und verheiratete Töchter kommen und ihr helfen ; auch so wird die Verbundenheit innerhalb der Gemeinschaft gestärkt.
Am Sonntag ist das Alltägliche heilig. Das Haus ist blitzblank, wenn alle zum Gottesdienst eintreffen – jeder Topf geschrubbt, die Schränke neu mit Papier ausgelegt. Berge von Essen stehen bereit. Die älteren Kinder haben Unmengen von Popcorn für die jungen Leute vorbereitet, die zum „Singen“ am Abend bleiben.
Die Gastfamilie sorgt sich nicht darum, was die Leute von ihnen „denken“, und sie hat auch kein Interesse daran, sich besonders hervorzutun. Sie hat ihr Heim hergerichtet, um Freunde und Verwandte willkommen zu heißen und gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Die harte Arbeit wird freudig in Kauf genommen, in Hingabe an die Ordnung und die Gmay. Dass andere Menschen zu ihnen gekommen sind, ist ein Zeichen dafür, dass die Gemeinschaft intakt ist.
Wenn ein Amischkind geboren wird, wird es in die Gemeinde hinein geboren und als zukünftiges Mitglied behandelt. Die Eltern sind verpflichtet, es zu einem aktiven Gemeindemitglied zu erziehen. Letztlich hoffen Eltern, dass das Kind später einmal sein Bestes tun, auf Gott vertrauen und ohne Widerspruch oder Fragen akzeptieren wird, was immer die Zukunft bringen mag.
Sie wollen, dass ihre Kinder nachgeben, wie die Amischen es ausdrücken. Sich Gottes Willen zu unterwerfen, wie er in der Bibel steht, bedeutet für die Amischen, Gelassenheit zu erlangen ; dies ist ein Begriff, der nach Sandra Cronk, Nachgiebigkeit und Machtlosigkeit beinhaltet.3 Die Amischen glauben nicht, dass sie gerettet werden – ob sie es werden, kann nur Gott wissen. Sie hoffen statt dessen, Gelassenheit zu erlangen. Das höchste Ziel der Amischen ist es, ein so vollkommenes Vertrauen zu Gott zu entwickeln, dass sie nichts, was geschieht, in Frage stellen. Wenn man sich Gott so vollständig ausliefert, lebt man vielleicht auf eine Weise, die zur Erlösung führt.
Merkmale der Amischen sind demnach u.a. Passivität, kinderreiche Familien, eine Abneigung gegen neue medizinische Behandlungen, die Annahme, dass alles, was geschieht, Gottes Wille ist, und dass „auch diese Prüfung vorübergeht“. Gelassenheit begünstigt eine Lebensweise, in der man wenige Fragen stellt. Man lernt am Beispiel, Kinder kopieren die Älteren, denn Worten darf man nicht trauen, weil sie so leicht missbraucht werden können. Amisch-Eltern lehren ihre Kinder durch ihr Vorbild, und so gibt es keine scharfe Trennung von Spiel und Arbeit. Statt ihren Töchtern zu erklären, wie man einen Kuchen bäckt, geben sie ihnen den Teig, und die Mädchen kopieren die mütterlichen Handgriffe – eine Dreijährige, indem sie den Teigklumpen flach klopft, eine Dreizehnjährige, indem sie den Rand mit einem Muster verziert. Wenn die Mädchen die Schule abschließen (8. Klasse) können sie kleine Kinder versorgen, Essen kochen und die meisten Arbeiten im Haushalt erledigen. Jungen können auf der Farm arbeiten, kleine Bauten errichten und das Vieh versorgen. Sie müssen noch viel lernen, aber sie können sich in Abwesenheit ihrer Eltern um die Farm kümmern. Von klein auf lernen Kinder, Geduld zu üben. Mütter halten die Hände ihrer Kinder zusammen, während der Rest der Familie vor und nach den Mahlzeiten den Kopf zum stillen Gebet neigt. Mit fünf sind sie groß genug, die Kekse abzulehnen, die die „Babys“ bekommen, damit sie während des Gottesdienstes still sind.
Wie Huntingdon schreibt, unterscheiden die Amischen zwischen Schulbildung und Erziehung, was sich deutlich in der Aussage eines Bischofs widerspiegelt : „Mit vierzehn hat man in der Schule alles Wesentliche gelernt, aber man kann nicht bis dahin warten, um zu lernen, was man fürs Leben braucht.“4 (vgl. Johnson-Weiner, 2006) Die wichtigen Lektionen lernen die Kinder in zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gmay.
Die Amischen studieren keine gelehrten oder religiösen Texte und diskutieren nicht über theologische Feinheiten. Sie leben ihren Glauben, und das drückt sich in allem aus, in ihrer Kleidung und Nahrung, wie sie Lampen entzünden und Wasser pumpen. Sie misstrauen allen, die die individuelle Autorität oder den Willen des Einzelnen hervorheben und beziehen ihre Identität, ihre Zugehörigkeit und ihre Ziele aus ihrer Kirchengemeinde.
Literatur über die Amischen :
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Johnson-Weiner, K. M. 2007. Train Up a Child. Old Order Amish and Mennonite Schools. Baltimore : Johns Hopkins University Press.
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